DC-Anwendungen fordern Überspannungsschutz

Batteriespeicher, DC-gekoppelte Ladeinfrastruktur, zentrale Sicherheitsstromversorgungen und DC-basierte Gebäudeautomation gehören zunehmend zur Standardausstattung moderner Neubauten und sanierter Bestandsgebäude. Mit dieser Entwicklung wächst auch die Anzahl empfindlicher elektronischer Komponenten. Leistungselektronik, Steuerungen und Kommunikationssysteme müssen zuverlässig geschützt werden, da ihr Ausfall nicht nur Reparaturkosten verursacht, sondern auch die Verfügbarkeit wichtiger Anlagen beeinträchtigen kann.
Dadurch verändern sich auch die Energieflüsse in Gebäuden und stellen neue Anforderungen an den Überspannungsschutz. Die Produktnorm IEC 61643-41 definiert erstmals einheitliche Anforderungen an Überspannungsschutzgeräte (Surge Protection Devices, SPD) in DC-Niederspannungsanwendungen bis 1.500 V DC außerhalb der Photovoltaik.
Damit schafft sie einen technischen Rahmen für Anwendungen, die bislang nur unzureichend durch bestehende Regelwerke abgedeckt waren. Während klassische Gebäudeinstallationen weiterhin überwiegend auf 230/400-Volt-Wechselstromnetzen basieren, nimmt die Anzahl der DC-Anwendungen kontinuierlich zu.
Gleichstromnetze erfordern andere Schutzkonzepte
Die besonderen Eigenschaften von DC-Netzen erfordern eine differenzierte Betrachtung des Überspannungsschutzes. Während in Wechselstromnetzen der periodische Nulldurchgang die Unterbrechung von Fehlerströmen unterstützt, fehlt dieser Mechanismus bei Gleichstrom. Dadurch können Lichtbögen deutlich schwieriger gelöscht werden. Gleichzeitig können Batteriespeicher oder andere DC-Quellen erhebliche Kurzschlussströme liefern. Überspannungsschutzgeräte müssen deshalb nicht nur auftretende Überspannungen zuverlässig begrenzen, sondern auch unter den spezifischen Bedingungen eines DC-Netzes zuverlässig und sicher funktionieren. Neben der Schutzwirkung gewinnt damit das Verhalten im Fehlerfall an Bedeutung. Insbesondere die sichere Trennung vom Netz am Ende des Lebenszyklus eines SPD ist ein wesentlicher Bestandteil eines zuverlässigen Schutzkonzepts.
Planer müssen Wechselstrom und Gleichstrom trennen
Für die Planung moderner Gebäude bedeutet dies, dass AC- und DC-Bereiche getrennt betrachtet werden müssen. Ein Überspannungsschutzgerät für Wechselstromnetze ist nicht automatisch für den Einsatz in DC-Anwendungen geeignet. Bei der Auswahl müssen unter anderem Systemspannung, Polung, Kurzschlussfestigkeit, Abschaltvermögen und die jeweilige Netzkonfiguration berücksichtigt werden. Ebenso wichtig ist die Koordination des SPD mit vorgelagerten Schutzelementen und weiteren Schutzmaßnahmen.
Bereits in der Planungsphase sollte geprüft werden, welche Energiequellen im System vorhanden sind und welche Anforderungen sich daraus für den Überspannungsschutz ergeben. Dies gilt insbesondere für Anwendungen mit Batteriespeichern oder DC-gekoppelter Ladeinfrastruktur.
Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur erfordern Schutzkonzepte
Besonders relevant wird die neue Betrachtung bei Gebäuden mit Batteriespeichern. Die eingesetzte Leistungselektronik reagiert empfindlich auf Blitz- und Schaltüberspannungen. Ein entsprechend ausgelegter Überspannungsschutz kann dazu beitragen, Schäden an Batterie-Management-Systemen oder DC-Zwischenkreisen zu vermeiden und die Verfügbarkeit der Anlage sicherzustellen.
Auch Ladeinfrastruktur mit DC-Komponenten erfordert eine gezielte Betrachtung der Gleichstromseite. Eine ausschließliche Auslegung auf die AC-Seite reicht nicht aus, wenn zusätzliche Energiepfade innerhalb des Systems vorhanden sind.
Darüber hinaus erfordern zentrale DC-Versorgungen für Sicherheitsbeleuchtung oder Gebäudeautomation ein abgestimmtes Schutzkonzept. Steuerungen, Kommunikationsmodule und Netzteile gehören zu den empfindlichen Komponenten moderner Gebäudetechnik und müssen entsprechend berücksichtigt werden.
Dokumentation und Wartung gehören zum Schutzkonzept
Mit der zunehmenden Verbreitung von DC-Anwendungen gewinnt nicht nur die Auswahl geeigneter Überspannungsschutzgeräte, sondern auch deren Dokumentation an Bedeutung. Angaben zu Systemspannung, Kurzschlussfestigkeit, Einbausituation und Koordination mit weiteren Schutzmaßnahmen sollten vollständig dokumentiert werden.
Ebenso wichtig ist die regelmäßige Überprüfung installierter SPDs. Nach wiederholten Überspannungsereignissen oder mit zunehmender Alterung können interne Schutzbauteile ihre Wirksamkeit verlieren. Eine definierte Wartungsstrategie unterstützt Betreiber dabei, den sicheren Betrieb der Anlagen langfristig zu gewährleisten.
IEC 61643-41 schafft Orientierung
Für klassische Wohngebäude ohne Batteriespeicher, DC-Versorgung oder vergleichbare Anwendungen ergeben sich durch die IEC 61643-41 zunächst nur begrenzte Änderungen. Mit der zunehmenden Elektrifizierung und Digitalisierung von Gebäuden wird die Bedeutung von DC-Systemen jedoch weiter zunehmen. Die IEC 61643-41 schafft hierfür den notwendigen technischen Rahmen und unterstützt Verantwortliche dabei, Überspannungsschutzkonzepte an die Anforderungen moderner DC-Anwendungen anzupassen. Damit erweitert sich die Rolle des Überspannungsschutzes: Entscheidend ist nicht nur die Begrenzung von Überspannungen, sondern ein ganzheitliches Schutzkonzept, das Anlagen über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg zuverlässig absichert.
Alexander Jellennigg ist Senior Applications Engineer bei der Raycap GmbH.

