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Die reinste Magie: Knies Zauberhut-Dach in Rapperswil

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Kein Klischee ist in Verbindung mit der Zauberei so weit verbreitet wie das weiße Kaninchen aus dem Hut: Das Bild des Mannes mit schwarzem Frack und Zylinder, der im Handumdrehen ein Kaninchen aus dem Hut hervorzaubert, ist scheinbar unauslöschlich im kollektiven Gedächtnis verankert. Diese Tatsache ist umso spannender, weil die meisten Zauberer weder den Kaninchen-Trick noch ein Kaninchen zum Zaubern parat haben.

Das gilt auch für Beat Brönnimann aus St. Gallen in der Schweiz. Ungeachtet dessen hat der diplomierte Spenglermeister alternative Tricks auf Lager, die Kaninchen blass werden und gewöhnliche Zauberer alt aussehen lassen. Zum Beispiel, wie auf einer Fläche von über 2000 m² EPDM-Folie der Marke Resitrix spurlos verschwindet oder wie sich 7500 verschiedenartige Polygone aus Titanzink formvollendet aneinanderschmiegen.

Majestätisch ragt das zeltförmige Metalldach von Knies Zauberhut in den Rapperswiler Himmel

Rapperswil ist weit über die Landesgrenzen bekannt. Die im schweizerischen Kanton St. Gallen und am östlichen Ufer des Zürichsees gelegene Altstadt ist ein beliebtes Reiseziel. Ein Besuch wird oft mit einem Ausflug in Knies Kinderzoo verbunden, denn dort entzücken Erdmännchen, Elefanten, Giraffen und eben auch Kaninchen regelmäßig kleine sowie große Gäste. Sind Spengler und Metalldachfreunde zu Besuch, werden diese aber auch vom Dach des Zauberhuts verzaubert.

Neben bzw. hinter den Elefanten gehört der Zauberhut zu den Top-Attraktionen in Knies Kinderzoo

Zirkuswelt am Zelt aus Zink

Das polygonale Gebäude befindet sich im Herzen des zoologischen Gartens. Die interessante Architektur des Pavillons erinnert mit ihrer gläsernen Fassade und dem markant geformten, geschwungenen Dach an ein Zirkuszelt. Rund 25 m reckt sich der Neubau in die Höhe. Sein mit kleinformatigen Titanzinktafeln in unterschiedlichen Oberflächen bekleidetes Dach verleiht dem Bauwerk ein unverwechselbares Äußeres.

Die geschwungene Dachform wurde mit Freiformelementen aus Holz als Schalenfaltwerk konzipiert. Sie erinnert an die markante Dachlandschaft der Berliner Eventlocation Tempodrom. Die gesamte Konstruktion besteht aus Holz. Der nachwachsende Baustoff sorgt für hohe Effizienz und kurze Bau- bzw. Montagezeiten.

An der Nordseite des innovativen Gebäudes befinden sich die Nebenräume, die zugleich den Auflagepunkt des Daches bilden. An der Südseite verleihen großzügige Glaselemente dem zeltartigen Pavillon eine gewisse Leichtigkeit. Schon jetzt zählt Knies Zauberhut zu den angesagtesten Eventlocations der Schweiz. Das Gebäude eignet sich sowohl für geschäftliche als auch für private Veranstaltungen und bietet bis zu 500 Personen Platz.

Der schräg angeschnittene Abschluss des Daches erzeugt eine gewisse Dynamik

Dach aus Titanzink-Polygonen

Das multifunktionale Gebäude besticht durch seine außergewöhnliche Architektur und besonders durch das einzigartige und dominante Dach. Die aus unterschiedlichen Titanzink-Polygonen zusammengesetzte Dachhaut erinnert entfernt an das Schuppenkleid eines Reptils.

Selbstredend war zur Umsetzung der anspruchsvollen Spenglerarbeiten eine professionelle Planung die Grundvoraussetzung. Das aus St. Gallen stammende Team um Spenglermeister Beat Brönnimann war von Anfang an in den Entwicklungsprozess eingebunden.

7500 verschiedene Bedachungselemente warten auf ihren großen Auftritt. Die damit verbundene logistische Leistung grenzt an Zauberei

Die Dachdeckung selbst besteht aus Composite – einer 4 mm dicken Titanzink-Verbundplatte mit einer Ober- und Unterseite aus Titanzink. Beide 0,5 mm dicken Zinkschichten werden werkseitig im Schmelzfixierverfahren auf einen Polyethylenkern mit mineralischen Füllstoffen aufgebracht. Das Verbundelement wird in der erprobten Technologie von Alcoa Architectural Products hergestellt. Das dabei verwendete Titanzink stammt aus dem Hause VMZinc.

Indem es die Qualitäten sowie die gestalterische Wirkung und Beständigkeit von VMZinc mit der Festigkeit und Planheit des Verbundwerkstoffes kombiniert, bietet Composite einzigartige Möglichkeiten bei der Dach- und Fassadengestaltung. Auf dem Dach des Zauberhuts kamen ausschließlich Composite-Platten mit den VMZinc-Oberflächen Azengar, Quartz-Zinc und Pigmento Blue zum Einsatz.

Mühsam: Das Positionieren und Abdichten der Halter zur Aufnahme der Dachbekleidung erfolgte in der Werkstatt

Projektentwicklung

Laut Spenglermeister Beat Brönnimann wurde das System zur Montage der rund 7500 Composite-Platten eigens für Knies Zauberhut entwickelt. Zur Montage der unterschiedlich geformten polygonalen Dachschuppen wurde ein individuell angefertigtes Trägersystem eingesetzt. Das Befestigungssystem sowie die Dachdeckung halten selbst widrigen Wetterbedingungen in Nähe des Seeufers und damit verbundenem Winddruck und Windsogbelastungen stand.

Zur Systementwicklung absolvierten die am Bau beteiligten Spezialisten so manche Überstunde: Das Trägersystem konzipierten sie so, dass es einfach zu montieren und mit dem Unterdach aus EPDM-Folie der Marke Resitrix verschweißbar war. In der Praxis gestaltete sich das jedoch aufwendiger als gedacht. Der Entwicklungsprozess wurde daher mehrmals angepasst und optimiert. Die dabei größte Schwierigkeit bestand darin, die Unterkonstruktion so zu konzipieren, dass diese für jede einzelne Composite-Platte individuell angepasst werden konnte.

Vorfertigung in der Werkstatt

Das Dach des Zauberhuts besteht aus einzelnen Holzelementen, die vor Ort zusammengefügt werden sollten. Aufgrund der anspruchsvollen Geometrie und der steil nach oben aufragenden Dachform verrichteten die Holzbauer und Spengler einen Großteil der Arbeiten in der Werkstatt. Rund 50% der Titanzink-Polygone wurden bereits in der Werkstatt montiert.

Die Montage der polygonalen Bedachungselemente aus Composite/VMZinc erfolgte zu rund 50 % in der Werkstatt

Dabei musste jedoch beachtet werden, dass der Transport einzelner Holzsegment-Baugruppen gegeben war. Zu den Vorfertigungsarbeiten gehörten unter anderem:

  • Verlegen der Dachhaut EPDM Resitrix als wasserdichtes Unterdach
  • Zuschnitt und Nummerierung von rund 7500 zum Großteil unterschiedlichen und polygonal geformten Titanzink-Composite-Platten auf einer CNC-Fräse
  • Setzen der Unterkonstruktionsträger und Titanzinkelemente mittels vorgefertigter Schablonen
  • Bereichsweise Montage der Composite-Elemente
  • Vorbereiten der unterhalb der Composite-Dachhaut angebrachten Blitzschutz-Ringleitung
Zum hohen Vorfertigungsgrad gehörten neben der Abdichtung des Unterdaches auch die Vormontage der Dachelemente und der Blitzschutzanlage
Große Show: Die minutiöse Montage der ­vorgefertigten und größtenteils bereits bekleideten Komplettelemente des Zauberhuts

Auf der Baustelle

Die vorproduzierten und teilweise belegten Dachelemente wurden nach Rapperswil transportiert und vor Ort aufgerichtet. Nach der Montage erfolgte die Abdichtung der Stoßbereiche zwischen den Elementen mit EPDM-Folie. Außerdem wurden die Verbindungen und Anschlüsse der Blitzschutzanlage komplettiert und im nächsten Schritt die Composite-Polygone an den entsprechenden Randbereichen angebracht.

Alles in allem hat das Brönnimann-Team auf der 26 m hohen und 38 m breiten Konstruktion eine Fläche von rund 2000 m2 bekleidet. Die extravagante Hutform des Daches ließ bei der Montage praktisch keinen Spielraum zwischen einzelnen Titanzinkelementen zu – auch und gerade weil das Fugenbild der Dachhaut fortlaufend und passgenau ausgeführt werden musste.

Akrobatisch: Die Endmontage erfolgte mithilfe ­einer Arbeitsbühne ohne Netz und doppelten Boden
Vom fliegenden Teppich aus fotografiert nimmt das Titanzink-Zirkuszelt langsam Form an. Die nächste Herausforderung ist das Schließen der Lücken in der Dachbekleidung

Blick ins Gebäude

Der neue, multifunktional nutzbare Bau verbindet durch seine architektonische Form und sein Nutzungsangebot die Zirkus-, Gesellschafts- und Erlebniswelten. Zur modernen Veranstaltungstechnik gehören unter anderem eine hydraulische Bühne sowie eine sechsstufige Manege-Tribüne, die bedarfsweise elektrisch ausgefahren werden kann. Die vorhandene Lautsprecheranlage wird verschiedensten Erwartungen gerecht und zahlreiche Scheinwerfer rücken jede Veranstaltung ins richtige Licht.

Unten: Der multifunktional nutzbare Bau verbindet durch seine architektonische Form und sein Nutzungsangebot die Zirkus-, Gesellschafts- und Erlebniswelten miteinander

Wichtige Punkte bei der Planung

Für die Planung und den Bau des Zauberhuts zeichnen Architekt Carlos Martinez, Generalplaner Stefano Ghisleni, Holzbauer Richard Jussel und Franco Knie sen. verantwortlich. Eine besonders erwähnenswerte Planungsleistung ist die Berücksichtigung von Nachbarbebauung und Nachhaltigkeit. Beispielsweise wurden Bauformen entwickelt, die Schall­emissionen besonders unterdrücken. Bei der Konzeption des Gebäudes wurde sogar ein Gutachten der Vogelwarte Sempach hinzugezogen und die Dachhaut aus dem matten und blendfreien Werkstoff Titanzink hergestellt.

Der Neubau fügt sich trotz seiner extravaganten Bauform sehr harmonisch in die Landschaft ein

Spürbarer Innovationsgeist

Der 450 Mitglieder starke Verein diplomierter Spenglermeister der Schweiz (VDSS) führt im Dreijahresrhythmus den Wettbewerb Goldene Spenglerarbeit durch. Prämiert werden anspruchsvolle Spenglerarbeiten und Blechbekleidungen der Vereinsmitglieder (unsere Schwesterzeitschrift BAUMETALL berichtete in Ausgabe 6/2021).Die hier beschriebene Ausführung ist ebenso perfekt und innovativ wie der Innovationsgeist, der die Familie Knie international bekannt gemacht hat.

Die kreative Verknüpfung von Zirkus, Erlebniswelt und Metalldachfaszination ist absolut gelungen. Die Planung der Gebäudeform aus einzelnen konkav geformten Elementen sowie aus 7500 Schuppenteilen aus Titanzink betrachtet die VDSS-Jury zu Recht als Meisterleistung der digitalen, dreidimensionalen Freiform-Modellierung und Planung. Und auch die geleistete Arbeitslogistik von der Plattenfertigung bis zur Montage auf der Baustelle ist erwähnenswert. Der Spenglerfachbetrieb von Beat Brönnimann hat die Umsetzung dieser anspruchsvollen Gebäudehülle sehr gut gemeistert. Alle involvierten Baupartner verdienen Lob und Applaus.

Sieger der Herzen

Im übertragenen Sinne ist es dem Fachbetrieb Beat Brönnimann GmbH gelungen, nicht nur Kaninchen aus, sondern auch eine innovative Dacheindeckung auf den Hut zu zaubern. Für zahlreiche Fachleute sowie für das gesamte BAUMETALL-Team gehören Knies Zauberhut sowie einige weitere Wettbewerbsprojekte der Goldenen Spenglerarbeit zu den Siegern der Herzen. Bravo! 

Bautafel

Objekt: Knies Zauberhut im Zoo Rapperswil

Konstruktion: Spezielle Gebäudehülle. Holzunterbau und mehrfarbige Dachbekleidung aus kleinteiligen Composite-Verbundplatten

Dachabdichtung: Unterdach mit EPDM-Folie Resitrix

Dachbekleidung: Verbundwerkstoff Composite mit vorbewitterem Titanzink in den Oberflächen Azengar, Quartz und Pigmento Blue

Ausgangsbreite max.: 1000 mm

Standardlänge: 3000 mm–4000 mm

Titanzinkdicke: 0,5 mm

Composite-Kern: Polyethylen mit mineralischen Füllstoffen (Fire Retardancy)

Gesamtdicke: 4 mm

Dichte des Verbundstoffs: 12 kg/m²

Ausdehnungskoeffizient: 0,022 mm/(mK)

Beat Brönnimann GmbH, www.broennimannspenglerei.ch

Carlos Martinez Architekten AG, www.carlosmartinez.ch

Ghisleni Partner AG, www.ghisleni.ch

Blumer-Lehmann AG, www.lehmann-gruppe.ch/holzbau.html

Knies Zauberhut; www.knieszauberhut.ch

Dieser Artikel von Andreas Buck ist zuerst erschienen in Baumetall Ausgabe 7/2021.

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