Zweischaliges Mauerwerk dämmen: Warum die Angst vor Feuchteschäden unbegründet ist

Eine bewährte Bauweise – und ein Normungs-Irrweg
Das Hohlmauerwerk aus zwei 12-cm-Schalen mit 6 bis 8 cm Luftschicht war ab dem späten 19. Jahrhundert in den regenreichen Teilen Europas die Standardkonstruktion – und zwar mit ruhender, unbelüfteter Luftschicht. Über 100 Jahre funktionierte das problemlos.
Dann kam die Normung dazwischen: Während die DIN 4108 bereits 1952 auf Basis von Messwerten den Verzicht auf Luftschichten zur Energieeinsparung empfahl, forderte die DIN 1053 ab 1952 – ohne wissenschaftliche Begründung – eine belüftete Luftschicht mit definierten Öffnungen. Ab 1974 wurde sogar eine Mindestdicke von 4 cm für die Belüftungsschicht vorgeschrieben, ob mit oder ohne Dämmung.
Die Folge: Weil neben der Belüftungsschicht kaum Platz blieb, entstanden suboptimale Dämmschichten von nur 2 bis 4 cm. Erst 2009 wurde der Belüftungszwang aufgehoben und die Kerndämmung offiziell zugelassen – 25 Jahre nachdem die Forschung die Belüftung als unnötig erwiesen hatte.
Was die Forschung tatsächlich zeigt
Künzels Abschätzverfahren (1963): Trocknung erfolgt über die Wandoberfläche
Schon in den 1960er Jahren entwickelte Dr. Helmut Künzel am Fraunhofer-Institut für Bauphysik ein Abschätzverfahren für Wärmeverluste und Feuchteströme zweischaliger Wände. Das zentrale Ergebnis:
- Die Verdunstung über die Außenoberfläche der Vormauerschale leistet mit bis zu 3,3 kg/(m²·d) den mit Abstand größten Beitrag zur Entfeuchtung.
- Die Entfeuchtung über Belüftungsöffnungen bringt dagegen nur rund 0,1 kg/(m²·d) – gerade einmal 3 Prozent der Oberflächenverdunstung.
- Die gemessene Luftgeschwindigkeit im Spalt lag bei 3 cm/s – auf der Beaufort-Skala gilt alles unter 20 cm/s als Windstille.
Künzels Fazit damals: Bei verdunstungsfähigen Außenoberflächen ist eine Belüftung des Luftspalts nicht notwendig – sie verursacht lediglich zusätzliche Wärmeverluste.
Die Langzeitstudie von 1984: Der wissenschaftliche Durchbruch
Die entscheidende Klärung brachte eine zweieinhalbjährige Langzeitstudie des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik am Standort Holzkirchen. 100 verschiedene Wandaufbauten wurden unter realen Wetterbedingungen getestet, ergänzt durch Untersuchungen an rund 20 Wohngebäuden in Norddeutschland. Die Ergebnisse im Überblick:
- Belüftung macht Wände nicht trockener. Mit Kerndämmung feuchtete die Vormauerschale sogar um 2 Volumenprozent weniger auf als bei der belüfteten Variante. Der häufigste Feuchtewert lag bei belüfteter Luftschicht bei 24 Vol.-%, bei unbelüfteter bei 22 Vol.-%.
- Das „Trocknungswunder" – Wind statt Lüftungsöffnungen. Die Studie entdeckte einen bis dahin unbekannten Trocknungsmechanismus: Der Wind nimmt denselben Weg durch die Vormauerschale wie zuvor das Regenwasser – er strömt pulsierend durch Kapillaren, Fugen, Haarrisse und Ritzen. Bei 5 m/s Windgeschwindigkeit wurden im geschlossenen Luftspalt rund 4 Luftwechsel pro Stunde gemessen – exakt so viel wie bei belüfteten Wänden. Die Belüftungsöffnungen leisten also keinen nachweisbaren zusätzlichen Beitrag.
- Kerndämmstoffe bleiben trocken. Nur an wenigen Tagen im Jahr und nur nach starkem Schlagregen wurde die äußere Oberfläche der Dämmstoffe mit einem Wasserfilm benetzt. Die Rückseite blieb davon unberührt – es gab keine Feuchteweiterleitung an die Innenwand. Die gemessenen Feuchtewerte der Mineralfaser-Kerndämmplatten lagen bei nur 2,9 Masseprozent im Winter (0,1 Vol.-%), unabhängig davon, ob sie hydrophobiert waren oder nicht. Eine niederländische Studie an 164 kerngedämmten Wänden bestätigte diese Ergebnisse mit Ausgleichsfeuchten von nur 0,08 bis 0,26 Masseprozent.
- Diffusion ist vernachlässigbar. Der Diffusionsstrom durch die Wand beträgt lediglich 0,1 Prozent der eindringenden Regenfeuchte – rund 3,1 g/(m²·d), verteilt in einer Wandmasse von 19.000 g/m². Zum Vergleich: Ein einziger Schlagregen bringt 2.800 g/(m²·d) ein. Künzel stellte daher klar: Eine diffusionstechnische Beurteilung nach DIN 4108 Teil 3 (Glaser-Verfahren) ist bei zweischaligem Mauerwerk nicht sinnvoll.

