Energetische Sanierung: Erst die Heizung, dann die Dämmung?
Die Energiewende macht keinen Halt – auch wenn die Novelle des Gebäudeenergiegesetzes (zum Zeitpunkt der Erstellung des Beitrages im November 2025) nach dem Politikwechsel in Deutschland noch auf sich warten lässt. Vielmehr stehen insbesondere die Unternehmen der Wohnungswirtschaft vor einer Riesenaufgabe der energetischen Sanierung ihres Bestandes.
Dämmen oder Heizung tauschen – was kommt zuerst?
Dabei scheint die Frage nach der primär favorisierten Strategie in der energetischen Sanierung weitgehend geklärt. Lars von Lackum, seit 2019 Vorstandsvorsitzender der LEG Immobilien SE mit 17.000 Wohnungen brachte es in einem Interview gegenüber n-tv auf den Punkt *1: „Dämmen ist unfassbar teuer und hat kaum Klimaeffekte. Der Verband der Wohnungswirtschaft (GDW) hat das untersucht: Zwischen 2010 und 2022 hat die Wohnungswirtschaft pro Jahr 45 Milliarden Euro für das Dämmen im Bestand ausgegeben. Der durchschnittliche Energieverbrauch ist dadurch lediglich von 131 Kilowattstunden pro Quadratmeter auf 129 Kilowattstunden gesunken.“
Weiter führt von Lackum aus: „Entscheidend sind letztlich die Kosten pro reduzierter Tonne CO2. Eine Vollmodernisierung umfasst Dach, Zwischendecken, Fassade und Fenster. Dort liegen wir bei 1.000 bis 1.500 Euro Vermeidungskosten pro Tonne CO2. Und diesen Kosten stehen Mieterhöhungen gegenüber, die sich die Mieter nicht mehr leisten können. Für einen nachhaltigen Bestand benötigen wir andere Ideen, schlauere Thermostate oder Heizungsanlagen.“
Wärmepumpen im unsanierten Altbau: Was Studien zur Wirtschaftlichkeit sagen
Diese Meinung wird auch von zahlreichen Studien untermauert, die empfehlen, zunächst die Heizanlage zu sanieren, bevor Dämmmaßnahmen umgesetzt werden. In der Studie „Wärmeschutz und Wärmepumpe – warum beides zusammengehört“ von FIW München & ifeu Heidelberg (2023) *2 wird aufgezeigt, dass Wärmepumpen auch in ungedämmten Gebäuden wirtschaftlich betrieben werden können. Dämmmaßnahmen könnten zwar die Effizienz erhöhen, seien aber mit hohen Investitionskosten verbunden. Dabei steige die Jahresarbeitszahl (JAZ) einer Wärmepumpe zwar mit besserer Dämmung, aber die Kosten-Nutzen-Relation sei oft ungünstiger als beim reinen Wärmeerzeugertausch.
Ein Kurzgutachten zur Wirtschaftlichkeit von Wärmepumpen (2022) der Agora Energiewende sowie dem Fraunhofer ISE *3 u. a. zeigt, dass in Mehrfamilienhäusern mit Effizienzklasse D oder E der Wärmepumpeneinsatz wirtschaftlich sinnvoll ist - selbst ohne umfassende Dämmung. Die Gesamtkosten pro Wohnung (inkl. Energie, Wartung, Umlage) sind bei Wärmepumpen niedriger als bei Gasheizungen – auch ohne Dämmmaßnahmen.
Und das Umweltbundesamt beschreibt in seiner Studie „Wärmepumpensysteme in Bestandsgebäuden“ (2024) *4, dass Wärmepumpen auch ohne vollständige Dämmung in vielen Bestandsgebäuden technisch und wirtschaftlich sinnvoll sind. Dämmmaßnahmen seien zwar langfristig vorteilhaft, aber nicht zwingend erforderlich für den erfolgreichen Betrieb einer Wärmepumpe. Die Studie empfiehlt eine Priorisierung des Wärmeerzeugertauschs, insbesondere bei begrenzten Budgets.
Das Fazit aus allen aktuellen Studien ist eindeutig: Der Austausch des Wärmeerzeugers durch eine Wärmepumpe ist oft kosteneffizienter als umfassende Dämmmaßnahmen. Dämmung lohnt sich vor allem in Kombination mit Wärmepumpen, aber nicht zwingend als erste Maßnahme. Bei begrenzten Mitteln sollte der Fokus auf dem Wärmeerzeugertausch liegen – insbesondere bei Gebäuden mit mittlerem Sanierungsstand.
EU-Gebäuderichtlinie und GEG-Novelle: Welche Vorgaben gelten ab 2026?
„Und auch von der Seite des Gesetzgebers ist vieles deutlich klarer, als es aktuell dargestellt wird“, beschreibt Dr. Alexander Linder, Leiter Produktmanagement bei Vaillant Deutschland. „Denn egal, welche Regelungen die Novelle des „Heizungsgesetzes“ festlegen wird – die Ziele der Energiewende sowie die Notwendigkeit zur kontinuierlichen Reduzierung des Verbrauchs fossiler Energieträger und damit der Reduzierung von CO2-Emissionen sind fixiert. Und das vor allen Dingen auf europäischer Ebene. Denn auch bei allen denkbaren Änderungen im deutschen Heizungsgesetz: Das europäische Recht ist in jedem Fall zu beachten.“
Die EU-Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD) *5 beispielsweise ist eine Richtlinie der Europäischen Union, die darauf abzielt, die Energieeffizienz von Gebäuden zu verbessern und die Treibhausgasemissionen im Gebäudesektor zu reduzieren. Die Richtlinie wurde mehrfach novelliert, zuletzt 2024. Die aktuellen Ziele umfassen die schrittweise Umstellung auf Nullemissionsgebäude im Neubau und die Sanierung von Bestandsgebäuden zur Senkung des Energieverbrauchs.
Hier setzt sie Mindestanforderungen an die Energieeffizienz von Gebäuden und fördert die Renovierung von Bestandsgebäuden. Konkret sollen bis 2030 Einsparungen von 16% und bis 2035 von 20-22% erreicht werden. Bis 2040 sollen in Gebäuden keine fossilen Brennstoffe mehr genutzt werden. Die Mitgliedstaaten müssen die Vorgaben der EPBD bis 2026 in nationales Recht umsetzen.
CO₂-Preis ab 2027: Wie teuer werden fossile Heizungen?
Parallel dazu wird die Preisentwicklung für fossile Energieträger in der energetischen Sanierung von Heiztechnikanlagen ein weiteres Argument pro Wärmepumpe liefern. Denn im freien Handel mit CO2-Zertifikaten, wie er ab 2027 im deutschen nationalen Emissionshandel (nEHS) erwartet wird, werden die Preise durch Angebot und Nachfrage am Markt bestimmt. Vorher, von 2021 bis 2025, gab es feste Preise, die schrittweise von 25 Euro auf 55 Euro pro Tonne CO2 stiegen. Ab 2026 wird ein Preiskorridor von 55 bis 65 Euro festgelegt, bevor ab 2027 der freie Handel beginnt. Die tatsächlichen Preise im freien Handel werden von verschiedenen Faktoren beeinflusst, darunter der Nachfrage von Unternehmen nach Zertifikaten, der verfügbaren Menge an Zertifikaten und den allgemeinen Erwartungen an die zukünftige Preisentwicklung. Dabei ist die Menge der verfügbaren Zertifikate begrenzt und wird jährlich kontinuierlich reduziert, was tendenziell zwangsläufig zu steigenden Preisen führen wird.
Viele Studien prognostizieren für 2030 Preise von 275 Euro pro Tonne CO2 für bestimmte Sektoren *6. Andere Studien sprechen von Preisen zwischen 200 und 300 Euro pro Tonne, die für eine effektive Reduktion der Emissionen notwendig wären. Eines ist jedoch bereits klar: Die tatsächlichen Preise im freien Handel können starken Schwankungen unterliegen und so für Unsicherheiten in der Planung sorgen. Und auch, wenn die EU bereits Lenkungsmechanismen und Preisdeckel diskutiert, spricht vieles dafür, dass sich der CO2-Preis nur schlecht kalkulieren lassen wird. Insbesondere in der Wohnungswirtschaft mit einer notwendigen langfristigen Planungsstrategie u. a. auch im Hinblick auf die Nebenkosten-Entwicklung und die Erfüllung gesetzlicher Vorgaben stellen diese Fakten ein weiteres wichtiges Kriterium bei der Sanierung von Bestandsgebäuden dar.
Welche Wärmepumpen-Technologie eignet sich für Mehrfamilienhäuser?
Spätestens hier wird deutlich: An der energetischen Sanierung der Wärmeversorgung für im Bestand der Wohnungsbauunternehmen kein Weg vorbei. Dabei ist die Wärmepumpe oftmals alternativlos geworden – vor allen Dingen angesichts der neuen Technologien, die Hersteller mittlerweile anbieten. Diese sind durch technische Weiterentwicklungen nicht nur für mehr als 70 % *7 aller Gebäude im Bestand geeignet, sondern bieten auch weitere Features, die bislang teilweise den Einsatz von Wärmepumpen verhindert haben.
Umso relevanter ist es, die aktuellen Möglichkeiten und Unterschiede von Wärmepumpen-Technologien genau zu kennen und beurteilen zu können. In der Checkliste am Ende des Beitrages werden hierzu konkrete Empfehlungen gegeben. Im Folgenden sollen Luft/Wasser-Wärmepumpen mit Monoblock-Technologie m Fokus stehen, weil sie klar den Markt dominieren. Folgende Wärmepumpen-Technologien von Luft/Wasser-Wärmepumpen sollen hier betrachtet werden:
- Einzel-Wärmepumpe mit geringer Leistung bis rund 12 kW
- Einzel-Wärmepumpe mit größerer Leistung ab ca. 15 kW
- Kaskade mit Klein-Wärmepumpen / Kaskade mit Groß-Wärmepumpen
- Energy Units
- Sonderlösungen VRF-Anlagen / Kaltwassersätze
Einzel-Wärmepumpen mit geringer Heizleistung bis ca. 12 kW werden in der Wohnungswirtschaft bei energetischen Sanierungen kaum eine Rolle spielen. Allenfalls im kleinen Neubau mit maximal drei Wohneinheiten können diese Geräte eingesetzt werden. Eine wichtige Funktion erfüllen sie dennoch – und zwar in der Kaskadierung. Einzel-Wärmepumpen mit größerer Leistung von rund 15 kW wie beispielsweise die aroTHERM perform von Vaillant sind dagegen ideal für die Bestandssanierung geeignet. Sie sind marktüblich bis ca. 20 kW verfügbar und erschließen so einen Großteil energetisch sanierter Mehrfamilienhäuser.
Der Autor Dipl.-Kfm. Martin Schellhorn ist Fachjournalist und Geschäftsführer der Schellhorn Public Relations GmbH.
Quellenverzeichnis
*1 n-tv.de vom 18.10.2025 / Warnung vor Dogma der Effizienz „Dämmen ist unfassbar teuer und hat kaum Klimaeffekte“ – Interview mit Lars von Lackum, Vorstandsvorsitzender der LEG Immobilien SE
*2 Wärmeschutz und Wärmepumpe – warum beides zusammengehört / Studie im Auftrag des Verbandes für Dämmsysteme,
Putz und Mörtel e.V. / Prof. Dr.-Ing. Andreas Holm (FIW), Peter Mellwig, Dr. Martin Pehnt (ifeu) / München, Berlin, Heidelberg, 2023
*3 Kurzgutachten zur aktuellen Wirtschaftlichkeit von Wärmepumpen / Kostenbetrachtungen in Mehrfamilienhäusern aus der
Perspektive von Mietern und Vermietern / Nora Langreder, Dominik Rau, Malek Sahnoun, Nils Thamling / prognos im Auftrag des BWP – Bundesverband Wärmepumpe / 29.09.2022 Berlin
* 4 Wärmepumpensysteme in Bestandsgebäuden / Dr. Kjell Bettgenhäuser, Bernhard von Manteuffel, Markus Offermann
Guidehouse Germany GmbH, Berlin / Benjamin Köhler, Dr. Veit Bürger, Dr. Sibylle Braungardt Öko-Institut e.V., Freiburg / Stefan Klinski, Prof. Dr. jur. Stefan Klinski, Berlin Herausgeber: Umweltbundesamt / Oktober 2023
*5 2024/1275 RICHTLINIE (EU) 2024/1275 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 24. April 2024 über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (Neufassung)
*6 1. Mercator Research Institute & Friedrich-Ebert-Stiftung (2025) / Studie: CO₂-Preisentwicklung unter ETS 2
*6 Agora Energiewende (2023) / Analyse: Der CO₂-Preis für Gebäude und Verkehr
*6 LBBW Research – ESG Trends 2025
*7 „WP-QS im Bestand“ des Fraunhofer ISE in Kooperation mit Vaillant und weiteren Partnern

