DIW Berlin halbiert Wachstumsprognose: Energiepreisschock drückt deutsche Wirtschaft Richtung Rezession
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung senkt seine Prognose für 2026 drastisch auf 0,5 Prozent Wachstum. Der durch den Iran-Krieg ausgelöste Anstieg der Energiepreise macht die zaghafte Erholung vom Jahresbeginn zunichte – einzig die öffentliche Hand hält die Konjunktur noch über Wasser.
Die deutsche Wirtschaft steuert laut der aktuellen Sommerprognose des DIW Berlin auf eine technische Rezession zu. Nach einem leicht positiven Jahresauftakt dürfte die Wirtschaftsleistung sowohl im zweiten als auch im dritten Quartal schrumpfen, bevor sich die Lage zum Jahresende voraussichtlich stabilisiert. Das Institut hat seine Wachstumserwartung gegenüber der Frühjahrsprognose um jeweils rund einen halben Prozentpunkt gesenkt: auf 0,5 Prozent für 2026 und 0,8 Prozent für 2027.
Auslöser der Korrektur ist der Energiepreisschock infolge des Ende Februar ausgebrochenen Iran-Kriegs. Gestiegene Öl- und Gaspreise treiben laut DIW Berlin die Verbraucherpreise, schmälern die Kaufkraft und verstärken die wirtschaftliche Unsicherheit. Die Inflation dürfte mit 2,9 Prozent in diesem und 3,0 Prozent im kommenden Jahr spürbar über dem Stabilitätsziel der Europäischen Zentralbank liegen. Die Arbeitslosenquote wird dem Institut zufolge 2026 auf 6,4 Prozent steigen und 2027 leicht auf 6,2 Prozent zurückgehen.
Weniger gravierend als 2022, aber spürbar genug
DIW-Konjunkturchefin Geraldine Dany-Knedlik ordnet die Lage ein: Der aktuelle Schock sei kleiner als jener nach Beginn des Ukraine-Kriegs, die Energieversorgung noch gesichert und Deutschland heute weniger abhängig von fossilen Importen als damals. „Dass die Wirtschaft in diesem Jahr überhaupt noch wächst, ist allein der öffentlichen Hand zu verdanken", so Dany-Knedlik laut DIW Berlin. Steigende Verteidigungsausgaben sowie – mit zeitlicher Verzögerung – Mittel aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität sollen demnach das Wachstum in beiden Prognosejahren stützen.
Der private Konsum kommt laut der Prognose dagegen nur langsam wieder in Schwung. Die exportorientierte Industrie erhole sich angesichts struktureller Schwächen und außenwirtschaftlicher Unsicherheit insgesamt nur zögerlich – obwohl der Außenhandel zum Jahresauftakt noch unerwartet stark ausgefallen war. Neben dem Energiepreisschock wirken dem DIW zufolge weiterhin strukturelle Probleme: nachlassende Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, hohe Produktionskosten und der demografische Wandel begrenzten das Wachstumspotenzial unabhängig von der geopolitischen Lage.
Wie groß die Risiken tatsächlich sind, verdeutlicht eine aktualisierte Szenarioanalyse des Instituts: In einem marktbasiert abgeleiteten Negativszenario läge das Wachstum um rund 1,5 Prozentpunkte unter dem Potenzialwachstum. Die deutsche Wirtschaft würde dann um knapp ein halbes Prozent schrumpfen, die Inflation erreichte ein Niveau wie in der Energiepreiskrise 2023.
Fiskalische Expansion mit hohem Preis
Die finanzpolitischen Impulse fangen den konjunkturellen Rückschlag laut Dany-Knedlik nicht vollständig auf. Entscheidend sei, dass die Mittel aus den Sondervermögen zügig und tatsächlich zusätzlich abfließen – und nicht lediglich ohnehin geplante Investitionen finanzieren. Die fiskalische Expansion hat dem DIW zufolge allerdings ihren Preis: Das gesamtstaatliche Defizit weitet sich demnach auf 3,9 Prozent in diesem und 4,3 Prozent im kommenden Jahr aus.
DIW-Präsident Marcel Fratzscher warnt zudem, dass die Pläne für öffentliche Investitionen hinter den Erwartungen zurückbleiben könnten und die Wirtschaft somit weniger Unterstützung erhalte als prognostiziert. Er fordert die Bundesregierung auf, zielgenaue Maßnahmen für Menschen mit geringen Einkommen umzusetzen. Einen positiven Impuls könne ein angekündigtes großes Reformpaket der Bundesregierung setzen, sofern es tatsächlich umgesetzt werde – es könnte das Vertrauen von Unternehmen und Bevölkerung in die Handlungsfähigkeit der Politik stärken.
Weltwirtschaft wächst moderat – Europa besonders betroffen
Auch global hat der Iran-Krieg das Bild eingetrübt. Die Weltwirtschaft war laut DIW Berlin zwar robust ins Jahr gestartet, getragen von solider Binnenkonjunktur, fiskalischen Impulsen und hohen Investitionen in Künstliche Intelligenz. Der Energiepreisschock fache nun jedoch die Inflation erneut an und dämpfe den Konsum. Unter der Annahme allmählich nachlassender Energiepreise erwartet das Institut ein globales Wachstum von 3,1 Prozent für 2026 – 0,2 Prozentpunkte weniger als in der Frühjahrsprognose – und 3,3 Prozent für 2027.
Die Auswirkungen fallen dabei regional sehr unterschiedlich aus: Die USA erreichen als großer Energieproduzent laut DIW Berlin weiterhin vergleichsweise solide Wachstumsraten von gut zwei Prozent. Der Euroraum hingegen leidet unter seiner hohen Abhängigkeit von Energieimporten – die Wachstumsprognose wurde hier auf nur noch 0,3 Prozent für dieses Jahr abgesenkt. China dürfte sich dem Institut zufolge trotz struktureller Belastungen im Immobiliensektor mit moderatem Tempo weiterentwickeln, gestützt vor allem durch Exporte und Investitionen in Zukunftstechnologien.
Die Abwärtsrisiken überwiegen laut DIW Berlin insgesamt: Eine weitere Eskalation des Iran-Kriegs mit anhaltend hohen Energie- und Lebensmittelpreisen, eine stärkere geldpolitische Straffung infolge steigender Inflationserwartungen sowie mögliche Belastungen der Arbeitsmärkte durch den strukturellen Wandel infolge Künstlicher Intelligenz zählen zu den größten Gefahren für die weitere Entwicklung.
