Direkt zum Inhalt
Anzeige
Anzeige
Anzeige
haustec.de
Das Fachportal für die Gebäudetechnik
Ad placeholder
Anzeige
haustec.de
Das Fachportal für die Gebäudetechnik
Ad placeholder
Print this page

Klimaschutz und Klimaanpassung: Erfolge und Herausforderungen im Quartier

Alexander Borchert

Energetische Sanierung ganzer Quartiere, Stadtviertel oder Städte, oder gar über kommunale Grenzen hinweg bis hin zur Kreisebene, das hört sich nach einer ungemein fordernden, komplizierten Aufgabenstellung an, ungleich komplizierter als die Modernisierung eines einzelnen Gebäudes. Das ist sicher richtig. Zugleich jedoch erlaubt es dieser umfassendere Ansatz, die Aufgaben, vor die die Klimaerhitzung die Gesellschaft stellt, auch auf eine nachhaltigere Weise anzugehen. Kein Stückwerk mehr, sondern im Wortsinn flächendeckende Maßnahmen.

Weil das im allgemeinen Interesse liegt, gibt es seit 2011 das KfW-Programm Energetische Stadtsanierung. Der Programmteil 432 unterstützt Kommunen und deren Betriebe dabei, integrierte Quartierskonzepte zu erstellen und ein Sanierungsmanagement einzurichten, in Form von Zuschüssen zu den Sach- und Personalkosten. Die Programmteile 201 (Kredit) und 202 (Kredit) dienen zur Förderung klimafreundlicher Wärme- und Kälteversorgung sowie seit April 2021 klima-freundlicher Mobilität und „grüner Infrastruktur“, zur Anpassung an die Folgen der Klimaerhitzung, also etwa durch Begrünung von Straßen und Plätzen und durch ein entsprechendes Regenwassermanagement.

Forschung, Feedback und Vernetzung 

2013 initiierte das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Auftrag des Bundebauministeriums die Begleitforschung zum Programm. Hierbei handelt es sich nicht allein um eine reine Beobachtung und Dokumentation von außen, sondern um einen Hybrid aus Forschung und Supervision – mit dem Ziel, die Prozesse und Abläufe zu verbessern. 

Die beauftragten Experten führten Online-Befragungen und Telefoninterviews durch und machten Vor-Ort-Besuche, gaben den Beteiligten jedoch auch ständig Feedback, organisierten Netzwerktreffen, Fachwerkstätten, Regional- und Fachkonferenzen, erarbeiteten unter anderem die Internetseite www.energetische-stadtsanierunf.info als erste Anlaufstelle sowie ein Planspiel zur Einführung für Interessierte. 

Auf eine erste Forschungsphase in den Jahren von 2013 bis 2017 folgte 2018 eine zweite, die 2022 abgeschlossen wurde. Der Bericht zur zweiten Phase zieht eine neue Zwischenbilanz und nennt die noch bestehenden Hemmnisse. Projektleiter der wissenschaftlichen Begleitung ist Wolfgang Neußer vom BBSR. Natürlich, so Neußer, sei man in Sachen Erfolgskontrolle des KfW-Programms in seinem Hause nicht unparteiisch, dabei aber dennoch wohl zu Recht nicht ganz unzufrieden mit dem bisher Erreichten. 

Quartiere: Eine Typologisierung ist schwierig

Aus der Vielzahl der circa 1500 geförderten Quartiersinitiativen wurden 68 ausgewählt, Referenzprojekte, die jeweils unterschiedliche Rahmenbedingungen repräsentierten, dazu ergänzend 17 Stellvertreter- und zehn Fokusprojekte. Bei Letzteren wurden besonders beispielhafte Gesamtstrategien sowie relevante Einzelaspekte näher beleuchtet. 

Die große Diversität hinsichtlich der Zusammenstellung der Akteure, der Eigentümerstrukturen vor Ort, des Alters und der Art der Bausubstanz oder der jeweils gesetzten Schwerpunkte macht laut Neußer einerseits die Typologisierung von Quartieren schwierig, ebenso die Entwicklung standardisierter Verfahren und Abläufe zur Vereinfachung und Effizienzsteigerung der Maßnahmenpakete. Andererseits sieht er die Offenheit auch als Vorteil: „Das Förderkonzept der Energetischen Stadtsanierung hat es bewusst nicht leichtgemacht, Quartierstypen zu identifizieren. Die Möglichkeit, die Quartiere individuell nach Maßnahmenschwerpunkten oder lokalen Begebenheiten abzugrenzen, ist eine Stärke des Programms.“ So werde der Begriff „Stadt“-sanierung immer häufiger durch kreisweite oder Energiedorf-Konzepte konterkariert. Auch interkommunale Konzepte existierten längst. Trotzdem seien in den beiden bisherigen Begleitforschungsphasen wertvolle Arbeitshilfen für Kommunen und Sanierungsträger entwickelt worden, die stark nachgefragt werden. 

Altstadt von Lemgo: Baukulturelle Fragen in historischen Stadtkernen setzen Grenzen bei der Energieeinsparung.

Klimaschutz und Klimaanpassung in Quartieren

Dieses Überschreiten von Grenzen, oder besser: diese Ausweitung der Perspektive, ist offenbar eine Konsequenz aus den wachsenden Herausforderungen für die Kommunen. Neben den Klimaschutzmaßnahmen nach klassischem Verständnis, also der Gewinnung, Speicherung und Weitergabe CO2-armer oder CO2-freier Energien und der Verbesserung des Wärmeschutzes des Gebäudebestands, sind in jüngerer Zeit Klimaanpassungsmaßnahmen stärker in den Vordergrund getreten. Kannibalisieren sich jetzt Klimaschutz und Klimaanpassung? Starkregenereignisse, Hagel, Überschwemmungen und anhaltende Hitzeperioden lösten selbstverständlich Investitionen in die Klimaanpassung aus, meint Neußer. Das geschieht jedoch nach seiner Einschätzung ohne Vernachlässigung des Klimaschutzes. 

Überdies gebe es Maßnahmen, die beides zugleich seien. Dazu zähle beispielsweise die Nachrüstung des Wärmeschutzes von Gebäuden: „Die Gebäudedämmung senkt zum einen den CO2-Ausstoß und dient damit dem Klimaschutz, zum anderen schützt sie die Bewohner nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Hitze.“ Wetterlagen mit extrem hohen Temperaturen, da ist sich die Wissenschaft einig, werden klimabedingt gerade in den Städten in den kommenden Jahren zum Problem werden, zur gesundheitlichen Gefahr für die Bevölkerung.

Eisleben glänzt mit einem integrierter Ansatz

Aus der Gruppe der begleiteten Projekte ragten einige durch besonders vorbildliche Umsetzung heraus und wurden im Bericht als „Gute Beispiele“ aufgeführt. In der Kategorie „Integrierter Ansatz“ glänzte etwa die Lutherstadt Eisleben. Dort schnürte man ressortübergreifend ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die einen komplexen, anspruchsvollen Planungsprozess mit sich bringen: „Für eine vertiefende Untersuchung zur künftigen Entwicklung der Altstadt erarbeitete die Stadt ein gebietsbezogenes integriertes Klimaschutzkonzept. Inhaltlicher Anspruch war es dabei, auf Quartiersebene Wege für die Umsetzung einer praktikablen Energetischen Stadtsanierung herauszuarbeiten und in die bisherigen Planungen zu integrieren. Dabei wurden verstärkt die Handlungsfelder Energieversorgung (u. a. Sanierung Gebäudebestand, Nahwärme, Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED, Photovoltaikanlagen auf Dächern), Klimaanpassung (u. a. Verschattungselemente an Gebäuden im öffentlichen Raum, Grünflächengestaltung und Straßenbegleitgrün) sowie Mobilität (u. a. E-Mobilität, Car-Sharing) betrachtet.“

Der soziale Aspekt von Quartieren

Was den Quartiersansatz laut Neußer darüber hinaus ausmacht, ist nicht zuletzt der Aspekt der Solidarität. Schon allein bezogen auf die Nutzung erneuerbarer Energien. Warum muss jedes Gebäude seine Hausbatterie haben, warum die eigene Heizung? Anstatt vielleicht den Anschluss an die Quartiers-Batterie, an das Holzhackschnitzel-BHKW? Neußer stört die Diskussion um vermeintlich drohende Blackouts. Auch der Wunsch vieler Hauseigentümer nach Energieautarkie, bis hin zur Abkopplung vom öffentlichen Netz, führe in die falsche Richtung. 

Der Quartiersgedanke schließt die soziale Dimension mit ein. Aus dieser Perspektive ergibt sich anscheinend auch ein kritischer Blick auf das Konzept des Worst Performing Building (WPB), das die Priorisierung der energetisch schlechtesten Gebäude vorsieht. Der Forschungsbericht spricht von einem im EU-weiten Vergleich abweichenden Erfahrungshorizont: „Durch ihn kann beispielsweise die von der EU beabsichtigte Pflicht, besonders schlecht energiespeichernde Gebäude bis 2027 vordringlich zu sanieren, fundiert kritisch gesehen werden.“ 

Neußer sieht das WPB-Konzept deswegen nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Allerdings: „Integrierte Quartierskonzepte und perspektivisch auch kommunale Wärmepläne können aufgrund einer verbindlichen Perspektivplanung beispielsweise gebäudeübergreifender CO2-ärmerer oder -neutraler Versorgungstechnik unter Umständen zu einer Neubewertung von Gebäuden mit der schlechtesten Gesamtenergieeffizienz führen. Damit kann auch ein Beitrag zur Sozialverträglichkeit verbunden sein, wenn Eigentümer und Bewohner gegenüber einer umfassenden Einzelgebäudesanierung darüber entlastet werden.“

Die energetisch besser aufgestellten Gebäude können die Gesamtbilanz retten, die finanziell besser gestellten Eigentümer mehr machen. Auch können dort, wo es nötig ist, zusätzliche Finanzmittel bereitgestellt werden, auch je nach Belastungsgrenze der Mieter beziehungsweise Eigentümer die Sanierungstiefen auf Basis der ordnungsrechtlichen Anforderungen neu justiert werden, um zu sozialverträglichen Lösungen zu kommen. 

Quartier mit vielen Sozialwohnungen

Am Beispiel des Stadtteils Richtsberg im hessischen Marburg schildert der Bericht, wie vorgegangen werden kann: „Marburg-Richtsberg ist durch einen hohen Anteil an Sozialwohnungen geprägt. Seit vielen Jahren wird im Rahmen der Städtebauförderung an der sozialen Quartiersentwicklung gearbeitet. Mit dem energetischen Quartierskonzept wurde die sozialverträgliche Sanierung der Großwohnsiedlung auf KfW-Effizienzhausstandard 55 vorbereitet. 

Die zur Verfügung stehenden Förderprogramme auf Landes- und Bundesebene reichten nicht aus, um eine warmmietenneutrale Sanierung zu erreichen. Der GeWoBau wurde von der Stadt Marburg daher ein außerordentlicher Investitionszuschuss gewährt. Trotzdem waren einzelne Wohnungen nach den an den Kaltmieten orientierten Angemessenheitsgrenzen der Kosten der Unterkunft nach SGB II zunächst zu teuer. Dass die Warmmiete gleichbleibt oder sogar sinkt, fand dort zunächst keine Berücksichtigung. Auf Basis einer gutachterlichen Untersuchung wurde infolge der Erkenntnisse aus dem Quartiersprojekt Richtsberg im Landkreis Marburg-Biedenkopf ein Mietzuschuss eingeführt, der die Warmmietenvorteile energetisch sanierter Wohnungen bei den Mietobergrenzen berücksichtigt. Durch Einzelfallentscheidungen der GeWoBau hinsichtlich der Modernisierungstiefe konnten Härtefallsituationen vermieden werden.“ 

Der Bericht fährt fort, indem er auf die Kommunikation mit den Betroffenen eingeht: „Bei der Vorbereitung der Sanierung hat sich der Schwerpunkt der Arbeit des Sanierungsmanagements durch die intensive Betreuung der Mieter (individuelle Ansprache, Besuch in der Wohnung, Erläuterung der Bedingungen und Möglichkeiten, mitzuentscheiden, etc.) in Richtung Sozialmanagement verschoben.“

Labor der Ideen: Die vielen verschiedenen Schwerpunkte der Projekte ergaben sich auch aus den unterschiedlichen Ausgangslagen und Problemstellungen.

Die Rolle der Energieberatenden 

Im Alltag von Energieberatenden kommt es immer wieder vor, dass Eigentümer, aber auch Mieter dringend erforderliche Modernisierungsmaßnahmen ablehnen, weil sie die Vorteile nicht sehen, finanzielle Überforderung oder schlicht den organisatorischen Aufwand fürchten. Dies bestätigen die BBSR-Autor:innen: „Aus Gesprächen von Sanierungsmanagements vor allem mit langjährigen selbst nutzenden Eigentümern geht hervor, dass, wenn Haus und Eigentümer gemeinsam „gealtert“ sind, objektive Schwächen des Gebäudes nicht erkannt werden (wollen). Ist solch eine Einschätzung mit einer fehlenden Sanierungsmotivation verknüpft und reichen zudem die finanziellen Möglichkeiten nicht aus, besteht keine Bereitschaft für eine energetische Sanierung.“

Genau in solchen Situationen, in Quartieren mit heterogener Eigentümerstruktur, kommt Neußer zufolge den Effizienzexperten im Team mit dem Sanierungsmanagement, den Energieberatenden mit ihrer Erfahrung und ihren Soft Skills, eine Schlüsselrolle zu: „Energieberatende sind extrem wichtige Dienstleister, die bautechnischen, planerischen, verwaltungs- und fördertechnischen sowie anlagentechnischen Sachverstand mitbringen müssen. Das ist auf Quartiersebene in der Regel kaum von einer natürlichen Person leistbar und führt zu Teams unterschiedlicher Qualifikationen. Für alle wichtig über den fachlichen Sachverstand hinaus ist aber immer auch eine kommunikative und sozialempathische Fähigkeit zur Vermittlung oft komplexer und längerfristiger Maßnahmenbündel. Es ist toll, bei Bereisungen der Quartiere vor Ort einer großen Zahl engagierter Menschen zu begegnen, die diese Qualifikationen auf sich vereinen können.“ 

Angesprochen auf die Querelen um das Gebäudeenergiegesetz, in den Medien zum „Heizungsgesetz“ verkürzt, bleibt Neußer trotz der unglücklich verlaufenen Diskussion optimistisch: „Die etablierten Sanierungsmanagements haben häufig bei der Versachlichung der Debatte sowohl bei den professionellen Akteuren der Energie- und Wohnungswirtschaft als auch bei verständlicherweise häufig überforderten privaten Einzeleigentümern helfen können. Der Klimawandel ist aber durch die heißen Sommer, die Starkregenereignisse und so weiter von einer wissenschaftlichen Hiobsbotschaft zu einem real erlebbaren Fakt geworden.“ Das sensibilisiere auch die Eigentümer immer mehr. 

Literatur

BBSR – Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) (Hrsg.), 2023: Begleitforschung KfW-Programm 432: Energetische Stadtsanierung 2018–2022. BBSR-Online-Publikation 08/2023, Bonn

Mehr zu diesem Thema
Anzeige
haustec.de
Das Fachportal für die Gebäudetechnik
Ad placeholder