R290 in Wärmepumpen: Umweltschutz versus Sicherheit

Das Kältemittel R290 in Wärmepumpen zwischen Effizienzgewinn und Risiko - eine Betrachtung von Hans-Jürgen Seifert, Ingenieurbüro für Wärmepumpensysteme.
Seit dem Attentat auf die Stromversorgung in Berlin am 03.01.2026 wurde durch die Medien das Thema „Explosionsgefahr bei Wärmepumpen" durch das Kältemittel Propan thematisiert, übermäßig dramatisiert und die Endverbraucher mittels haltloser Übertreibungen verunsichert.
R290 (Propan) gilt als eines der zentralen Kältemittel in der Wärmepumpenentwicklung. Es ist thermodynamisch hervorragend geeignet, nahezu klimaneutral und deshalb politisch durch die F-Gase-Regulierung gewollt. Doch R290 ist ein A3-Kältemittel – hochentzündlich – und damit sicherheitstechnisch sehr anspruchsvoll.
Dieser Artikel beleuchtet die relevanten Leckageszenarien, dokumentierte Schadensfälle, die Sicherheitskonzepte der Hersteller sowie die Frage, ob R290 langfristig das einzig infrage kommende Kältemittel für den Wärmepumpen- und Klimagerätemarkt ist, und er soll dazu beitragen, das Thema zu relativieren und ins richtige Licht zu rücken.
Dem Verfasser des Artikels schlagen hierbei zwei Herzen in einer Brust. Einerseits hatte seine damalige Firma bereits 1998 eine Sole-Wasser-Wärmepumpe mit 1,2 kg R290 für ein Zweifamilienhaus geplant und installiert. Diese im Gebäude aufgestellte Anlage arbeitete 20 Jahre äußerst effizient und störungsfrei. Sie wurde nach 20 Jahren nur erneuert, weil es über die BAFA 6.000 Euro Zuschuss für den Austausch gegen eine effizientere Wärmepumpe gab. Selbst heute sind noch Wärmepumpen mit R290 mit über 26 Jahren Lebensdauer in Betrieb.
Andererseits wurden in den vergangenen Jahren zwei ernsthafte Zwischenfälle mit Luft-Wärmepumpen, die mit Propan arbeiteten, bekannt. Außerdem sind dem Autor durch seine Gutachtertätigkeit Ereignisse bekannt, bei denen es zu Undichtigkeiten in Plattenwärmeübertragern kam, in deren Folge größere Mengen R290 in den Heizkreislauf gelangten, was aber glücklicherweise ohne ernste Folgen blieb.
Leckageszenarien bei R290
Leckage im Innenraum
Bei Undichtigkeiten im Kältekreis kann Propan in geschlossene Räume gelangen. Aufgrund seiner höheren Dichte sammelt es sich am Boden an. Wird die Zündgrenze erreicht (2,2–9,5 Vol.-%), genügt ein Schaltfunke, um eine Explosion auszulösen. In dokumentierten Fällen führte dies zu schweren Verpuffungen und Explosionen – darunter ein Einfamilienhaus im Raum Berlin, in dem ein Leck im Hausanschlussraum eine massive Gasansammlung verursachte.
Leckage in die Umgebung
Auch bei Außenaufstellung können sich Gaswolken bilden, etwa in Lichtschächten, unter Terrassendächern oder in Fassadennischen. Das Risiko ist geringer als im Gebäude, aber real, besonders bei Kältemittel-Split-Anlagen, bei denen die Kältemittelleitungen von der Außeneinheit zur Inneneinheit ins Gebäude geführt werden.
Leckage in den Heiz- oder Trinkwasserkreislauf
Technisch besonders kritisch sind Schäden an Plattenwärmeübertragern (im üblichen Sprachgebrauch als Plattenwärmetauscher, PWT bezeichnet). Die Druckunterschiede zwischen Kälte- und Heizkreis treiben Propan in den Heizwasserkreislauf, wo es über Entlüfter oder Sicherheitsventile in den Innenraum gelangen kann. Ein dokumentierter Fall zeigte, wie ein Frostschaden im Sekundärkreis mehrere Platten im Wärmeübertrager zerstörte und R290 in den Hauswirtschaftsraum drückte, was zu einer Verpuffung führte. Zum Glück gab es hier keinen Personenschaden.
In meiner eigenen Gutachterpraxis sind weitere Fälle von leistungsstarken Wärmepumpen bekannt geworden, bei denen über weggefrorene Kondensatoren R290 in den Heizwasserkreis gelangte. Hierzu sei noch angemerkt, dass es auch früher hin und wieder zu Defekten an Plattenwärmeübertragern kam, was bei den Sicherheitskältemitteln jedoch – abgesehen von Schäden an der Wärmepumpe – ohne ernsthafte Probleme verlief.
Realistisch betrachtet existieren drei unabhängige Risikopfade:
- direkter Gasaustritt in Räume durch Lecks im Kältekreislauf
- Gasaustritt im Außenbereich durch Lecks im Kältekreislauf
- Lecks im Wärmeübertrager → Propan im Heizwasser → Propan im Gebäude
Historischer Rückblick: R290 vor 26–27 Jahren
Dimplex setzte bereits vor über 25 Jahren R290 in Wärmepumpen ein. Die Sicherheitsphilosophie war eindeutig:
- Außenaufstellung als Standard
- definierte Entlüftung ins Freie bei Innenaufstellung
- keine Propanführung im Gebäude
- robuste konstruktive Auslegung
Übertragerdefekte waren damals nicht bekannt – vor allem, weil wassergeführte Plattenwärmeübertrager noch nicht in der heutigen Form verbaut wurden. Interessant ist, dass einige Hersteller heute wieder ähnliche Maßnahmen empfehlen (Außenaufstellung oder definierte Entlüftungswege bei Innenaufstellung), diese jedoch am Markt kaum angenommen werden, da zusätzliche Wanddurchbrüche und Luftkanäle im Wohnhaus als störend wahrgenommen werden. Technisch gesehen ist dies kein Fortschritt, sondern eine Wiederkehr der alten Konzepte.
