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5. Jahrestag der Ahrtalflut: Hochwasserschutz ist immer noch schlecht

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Fünf Jahre nach der katastrophalen Flut im Ahrtal, zeigt eine neue Recherche des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND: Deutschland ist noch immer nicht ausreichend auf die zunehmenden Wetterextreme vorbereitet. Statt Flüssen mehr Raum zu geben, werden wichtige Überflutungsflächen weiter mit Siedlungen und Straßen zugebaut. In Deutschland haben die Flüsse zwei Drittel, in Nordrhein-Westfalen 39 Prozent, in Rheinland-Pfalz 24 Prozent und in Bayern 46 Prozent ihres ursprünglichen Platzes zum Ausufern verloren.

Im Zuge der Klimakrise kann das gefährlich werden: Nordatlantik und Mittelmer werden immer wärmer und wir müssen deshalb mit mehr Starkregenereignissen rechnen. Das kann zu mehr Hochwasserkatastrophen führen. Erstmalig liegt mit der BUND-Recherche ein Gesamtüberblick über den Verlust von Überschwemmungsflächen der 79 größten Flüsse in Deutschland und über die Investitionen in den Hochwasserschutz aller Bundesländer vor. Die Recherche deckt auf, dass zwischen 2014 und 2024 im Durchschnitt jährlich rund 301 Millionen Euro in Deiche und andere technische Maßnahmen flossen, aber nur rund sieben Millionen Euro in Deichrückverlegungen.

Deutschlandkarte mit Aufschlüsselung der Ausgaben für den Hochwasserschutz nach Bundesländern in Millionen Euro; die Beträge sind als violette Kreise dargestellt.

Verena Graichen, BUND-Geschäftsführerin Politik: „Wir wissen fünf Jahre nach der Ahrtalflut, dass wir uns besser vor Hochwasser schützen müssen. Aber enge Bebauung, höhere Deiche und immer mehr Polder sind keine adäquate Antwort – mit ihnen können die Fluten während der Hochwasserphase zwar gemanagt werden, ein absoluter Hochwasserschutz ist aber technisch weder machbar noch wirtschaftlich sinnvoll. Hinzu kommt: In Zeiten zunehmender Wasserknappheit und Grundwasserstress lassen wir unser kostbares Wasser dann einfach wegspülen, anstatt es im Boden zu speichern. Was wir brauchen ist mehr Raum für die Flüsse, Geld für die Wiederherstellung von Auen, ein Stopp bei der Flächenversiegelung und Investitionen in ökologischen Hochwasserschutz.“

Viel Geld in die falschen Maßnahmen investiert

Nur etwa ein Prozent der heutigen Auen ist im Vergleich zu ihrem natürlichen Zustand kaum verändert. Das lässt sich an der Art der heutigen Nutzung ablesen: Auf 43 Prozent der Fläche der ehemaligen Auen ist heute Grünland, gefolgt von Ackerland mit 26 Prozent. Sieben Prozent dienen als Siedlungs-, Verkehrs- und Gewerbefläche, was mit hohen Versiegelungswerten einhergeht. Auf weniger als drei Prozent der rezenten (überflutbaren) Auen finden sich Feuchtgebiete und nasse Wiesen.

Zwar haben die heutigen Auen geringfügig an Fläche gewonnen, doch ihre Fähigkeit, Wasser zurückzuhalten, hat abgenommen, weil gleichzeitig mehr Flächen versiegelt wurden. Das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) hat ermittelt, dass trotz Bebauungsverbotes in festgesetzten Überschwemmungsgebiete zwischen 2019 und 2023 der Anteil der bebauten Flächen in den rezenten Auen, bundesweit um 2,75 km² (0,04 Prozent) wuchs – das entspricht der Größe von rund 385 Fußballfeldern. Damit wurden die geringen Fortschritte, die es durch Deichrückverlegungen gab, durch neue Flächenversiegelungen vernichtet.

Graichen: „In Deutschland wird zu viel Geld in die falschen Maßnahmen investiert. Bund, Länder und Kommunen sollten vermehrt auf ökologischen Hochwasserschutz setzen. Damit schützen wir uns am besten vor Starkregen und sorgen dafür, dass Wasser gespeichert wird, das uns in trockenen Sommern zur Verfügung steht. “

Wie sehr es sich lohnt, Deiche im größeren Maßstab ins Hinterland zu verlegen, zeigt das Beispiel Lenzen an der Elbe. Diese Deichrückverlegung ist mit 420 Hektar eine der größten bisher umgesetzten Maßnahmen ihrer Art in Deutschland. Dank dieser Rückverlegung konnte dort bei dem Jahrhunderthochwasser an der Elbe 2013 lokal der Wasserstand um entscheidende 50 Zentimeter sinken. Die wieder überschwemmbare Aue bei Lenzen ist gleichzeitig nicht nur ein Hotspot für die biologische Vielfalt, sondern auch ein Kohlenstoffspeicher.

Die BUND-Recherche zeigt:

  • Kommunen, Länder und Bundesregierung investieren vor allem in technischen Hochwasserschutz. Dieser ist teurer als ökologischer Hochwasserschutz, der richtig verstanden und umgesetzt Hochwasserkatastrophen vermeiden oder abschwächen kann und gleichzeitig der Natur und Umwelt hilft.
  • In Deutschland haben Flüsse viel weniger Platz: Zwei Drittel der Altauen sind verloren. Dabei sind regelmäßig überschwemmte Auen regelrechte Hotspots der Artenvielfalt und Kohlenstoffspeicher.
  • Die geringen Fortschritte, die es durch Deichrückverlegungen gab, wurden durch neue Flächenversiegelungen vernichtet
Die Infografik veranschaulicht die Unterschiede zwischen pluvialen und fluvialen Überschwemmungen anhand von Szenarien, die für die Gebäudetechnik relevant sind, sowie anhand des Wasserstandanstiegs.
So entsteht Hochwasser.
Zwei nebeneinander gestellte Abbildungen: Technischer Hochwasserschutz mit Deichen (links) und naturnaher Hochwasserschutz (rechts), Flussverläufe beschriftet.
Arten des Hochwasserschutzes.

Forderungen des BUND

  • Priorität für den ökologischen Hochwasserschutz: Wasser zurückzuhalten, muss immer das bevorzugte Ziel sein!
  • Flächenfraß stoppen: Die Netto-Neuversiegelung muss auf Null gesenkt werden; Neubau nur noch auf bereits versiegelten Flächen!
  • Klimaschutz forcieren: Ausstoß von Treibhausgasen durch Ausstieg aus fossilen Energien reduzieren. Das macht extreme Wetterereignisse wie Starkregen seltener und schwächer.
  • Die EU-Verordnung über die Wiederherstellung der Natur als Hebel nutzen: sie bietet die Möglichkeit, die Bewirtschaftung der Wassermengen zu unterstützen und die Widerstandsfähigkeit gegen Dürren und Hochwasser durch naturbasierte Lösungen zu verbessern. Gesunde Wälder, Moore und Auen können Wasser aufnehmen, für Dürrezeiten speichern und bei Hochwasser als Überschwemmungsflächen zur Verfügung stehen. Sie halten Wasser in der Landschaft. Die Wasser- und Klimaresilienz muss in den bis 2026 zu erstellenden nationalen Wiederherstellungsplänen vollständig berücksichtigt werden.

Hintergrund

Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel legt in einer Modellstudie den Zusammenhang zwischen höheren Wassertemperaturen im Mittelmeer, die zu stärkeren Extremniederschlägen (Vb-Zyklone) führt und katastrophalen Überschwemmungen nahe. Aktuelle Abweichungen vom Mittelwerk der Temperatur an der Wasseroberfläche im Mittelmeer lassen sich in der Studie "Sub-regional Mediterranean Sea Indicators: from event detection to climate change" finden. Am 1. Juli 2026 meldeten das europäische Copernicus-Klimaprogramm und der Copernicus-Meeresdienst, dass die täglich gemessenen globalen Meeresoberflächentemperaturen die Rekorde für diese Jahreszeit brechen.

Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) gibt in einem Fachbeitrag zu Elbehochwassern die positive Wirkung der Deichrückverlegung Lenzen mit einer Wasserstandsabsenkung des Hochwasserscheitels während des Jahrhunderthochwassers 2013 flussaufwärts um bis zu 49 cm an. Selbst am 23 km entfernten Pegel in Wittenberge betrug die Wasserstandsabsenkung gemäß der Studie noch acht Zentimeter. Dadurch kann eine deutliche lokale Senkung des Hochwasserscheitels durch Deichrückverlegungen belegt werden.

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