Wärmepumpe im Bestand: Müssen die Heizkörper raus? Ein Praxis-Leitfaden für Handwerker

Die Grundregel: Vorlauftemperatur entscheidet, nicht der Heizkörpertyp
Wärmepumpen lassen sich auch in Bestandsgebäuden mit klassischen Heizkörpern effizient betreiben – eine Fußbodenheizung ist keine zwingende Voraussetzung. Entscheidend ist nicht der Heizflächentyp, sondern die im Gebäude erreichbare Vorlauftemperatur. Mit hydraulischem Abgleich, optimierter Heizkurve und ggf. Tausch einzelner kritischer Heizkörper sind Vorlauftemperaturen unter 55 °C in den meisten Bestandsgebäuden erreichbar.
Eine vom Fraunhofer-Institut durchgeführte Langzeitstudie hat dies klar belegt: Wärmepumpen können auch in Bestandsgebäuden nachhaltig eingesetzt werden. Dabei wurden 56 Bestandsgebäude, deren Alter zwischen 15 und 170 Jahren lag, mit Wärmepumpen ausgestattet und über einen Zeitraum von 5 Jahren analysiert. Demnach spielt das Gebäudealter keine Rolle für den effizienten Wärmepumpenbetrieb und selbst normale Heizkörper lassen sich mit niedrigen Vorlauftemperaturen sinnvoll mit einer Wärmepumpe kombinieren.
Aktuelle Praxismessungen aus dem Winter 2026 bestätigen das: Altbau 1897, gemischte Heizflächen (FBH + Radiatoren) → COP 3,04 bei −2 °C. Saniertes Haus 1959, nur Radiatoren → COP 4,52 bei −0,1 °C. (Quelle: energiefluss24.de)
Der 55-°C-Test: Schneller Praxis-Check beim Kundentermin
Für Handwerker hat sich ein einfacher Test bewährt, den man beim Kundentermin direkt durchführen kann: Beschränken Sie die Vorlauftemperatur der Heizung auf 55 °C an einem kalten Wintertag. Drehen Sie anschließend die Heizkörper auf. Wird das Haus wohlig warm, sind keine weiteren Maßnahmen nötig. Bleibt das Haus kühl, sollten Sie Maßnahmen wie einen hydraulischen Abgleich oder eine verbesserte Dämmung umsetzen.
Auf den Test folgt die belastbare Berechnung: Ein hydraulischer Abgleich nach Verfahren B und eine raumweise Heizlastberechnung zeigen klar, welche Heizkörper getauscht werden müssen – und welche nicht.
Wie oft muss tatsächlich getauscht werden?
In rund 60 bis 70 % der teilsanierten Bestandsgebäude (Baujahr ab ca. 1980) reichen die vorhandenen Heizkörper ohne oder mit minimalen Tauschmaßnahmen aus, sofern die benötigte Vorlauftemperatur 55 °C nicht überschreitet. Im unsanierten Altbau 60er/70er-Jahre ist häufig der Tausch von drei bis sechs Heizkörpern auf Tieftemperatur-Modelle nötig. In der Praxis muss aber bei 50–70 % der Altbau-Wohnungen mindestens ein Teil der Heizkörper getauscht oder gegen größere ersetzt werden. Ein Fachbetrieb prüft das mit einer raumweisen Heizlastberechnung.
Praxis-Tipp: Oft genügt der gezielte Tausch einzelner kritischer Heizkörper – meist in schlecht gedämmten Räumen, Bädern oder an Außenwänden. Nur betroffene Räume tauschen: Oft reicht der Tausch von 2–3 kritischen Heizkörpern. Kosten Heizkörpertausch: 300–800 Euro pro Heizkörper inkl. Montage.
Drei Hebel zur Senkung der Vorlauftemperatur
Jedes Grad Celsius weniger Vorlauftemperatur steigert die Effizienz um 2–3 %. Diese drei Maßnahmen sollten Sie beim Kunden ansprechen:
- Hydraulischer Abgleich (Verfahren B) – ohnehin Pflicht für die Förderung
- Größere oder leistungsfähigere Heizkörper in den kritischen Räumen
- Gezielte Dämmungsmaßnahmen (Dach, Kellerdecke, Fenster)
Ein hydraulischen Abgleich sorgt dafür, dass jeder Heizkörper optimal arbeitet und die vorhandene Heizfläche voll ausgenutzt wird. Die Gebäudedämmung verbessern – insbesondere die oberste Geschossdecke und die Kellerdecke, reduziert den Wärmeverlust.
Welche Wärmepumpe für welchen Einsatz?
Luft-Wasser-Wärmepumpe – der pragmatische Standard:
Für die meisten Hausbesitzer ist die Luft-Wasser-Wärmepumpe der pragmatische Standard: günstig in der Anschaffung, kein Eingriff ins Grundstück, fast überall einsetzbar.
Sole-Wasser- und Wasser-Wasser-Wärmepumpen lohnen sich bei Platz für Bohrungen bzw. nutzbarem Grundwasser (Genehmigung der Unteren Wasserbehörde nötig).
Hochtemperatur-Wärmepumpen mit R290 (Propan) – die Lösung für schwierige Altbauten:
Moderne Hochtemperatur-Wärmepumpen mit R290-Kältemittel erreichen bis zu 75 °C Vorlauftemperatur und vereinfachen damit den Umstieg.
Passende Heizkörper im Detail
Plattenheizkörper Typ 22 – die wirtschaftlichste Lösung
Typ-Bezeichnung: 11 = 1 Platte/1 Konvektor, 22 = 2 Platten/2 Konvektoren, 33 = 3/3. Für 90 % aller Wohnräume ist der Kompaktheizkörper Typ 22 die richtige Wahl: ✅ Hohe Heizleistung bei kompakter Bauhöhe (60 cm) ✅ Günstig: 120–280 € Material – halb so teuer wie Design-Modelle.
Typ 33 für besonders schwierige Fälle
Was bringt ein Typ 33 im Altbau? Typ 33 bedeutet drei wasserführende Platten und drei Konvektionsbleche. Das ist ein Kraftpaket. Im ungedämmten Altbau ist dies oft der Retter, wenn Sie auf eine Wärmepumpe umsteigen wollen, aber die Wandfläche für riesige Heizkörper fehlt.
Alte Gussheizkörper – problematisch
Ein alter Radiator fasst 20–30 Liter Wasser. Bis diese Masse erwärmt ist, vergeht viel Zeit. Moderne Paneelheizkörper fassen nur einen Bruchteil und reagieren in Minuten auf das Thermostat – das spart Energie und erhöht den Komfort.
Wärmepumpen-/Niedertemperatur-Heizkörper mit Lüfter
Eine Option, wenn wenig Wandfläche verfügbar ist und die vorhandenen Heizkörper nicht reichen. Höherer Preis, dafür kompakte Bauform. Es ist allerdings ein Stromanschluss für den Lüfter notwendig!

